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Fondspolice oder ETF-Depot?

Die kurze Antwort

Kommt darauf an — aber nicht auf das, worüber meistens gestritten wird. Nicht nur die Kosten entscheiden, sondern vor allem die Steuer. Und dort entscheidet nicht der Vertrag, sondern wie du dir das Geld später auszahlen lässt.

Deine Zahlen sind andere? Schick mir deine Frage — ich rechne sie durch.

Der Streit läuft an der falschen Stelle

Die Diskussion dreht sich fast immer um Kosten. "Zehn Prozent Verwaltungskosten" gegen "null Euro beim Neobroker" — und damit ist die Sache für die meisten erledigt. Die Kosten sind real, und ich ordne sie weiter unten ein. Aber sie sind nicht der Grund, warum es die Police überhaupt gibt.

Der Grund ist die Besteuerung am Ende. Und die unterscheidet sich nicht um ein paar Prozentpunkte, sondern erheblich — je nachdem, welchen Auszahlungsweg du mit 67 wählst. Bevor ich dazu komme, gehört das andere zuerst auf den Tisch: was gegen die Police spricht.

Was für das Depot spricht

Fangen wir mit dem an, was gegen mein eigenes Geschäft läuft.

Die Kosten sind niedriger, und zwar deutlich.
Ein ETF-Depot kostet dich die Fondskosten und wenig mehr. Die Police kostet zusätzlich Abschlusskosten, laufende Kosten auf den Beitrag und laufende Kosten auf das Guthaben. Wie viel genau, hängt am Tarif — aber dass es mehr ist, steht außer Frage.
Du kommst jederzeit ran.
Im Depot kannst du verkaufen, wann du willst. Bei der Police greifen die Steuervorteile erst nach zwölf Jahren und ab Alter 62. Wer sein Geld vorher braucht, hat mit der Police das schlechtere Vehikel.
Du bestimmst alles selbst.
Fondsauswahl, Broker, Höhe, Pausen. In der Police bist du an das gebunden, was der Vertrag zulässt.
Bei kleinen Beträgen und kurzen Laufzeiten fressen die Mantelkosten jeden Steuervorteil auf.
Der Vorteil der Police hängt daran, dass viel Gewinn entsteht. Bei kleinen Volumina entsteht wenig Gewinn — und damit wenig zu versteuern, das man sparen könnte.
Du bist nicht auf einen Auszahlungsweg angewiesen.
Im Depot verkaufst du, wann und wie viel du willst, und die Besteuerung ändert sich dadurch nicht. Bei der Police entscheidet der Auszahlungsweg über die Steuer — das ist ein Vorteil, wenn du es weißt, und ein Nachteil, wenn du es falsch machst.

Was die Police kostet, kann ich dir hier nicht sagen

Drei Kostenblöcke, und alle drei schwanken erheblich. Alpha sind die Abschlusskosten, üblicherweise 2,5 Prozent der Summe, die du über die Laufzeit voraussichtlich einzahlst — bei Nettotarifen entfallen sie, dafür zahlst du dem Vermittler ein Honorar. Beta läuft prozentual auf jeden Beitrag. Gamma läuft jährlich auf das Guthaben.

Dazu kommen die Fondskosten, und die reichen von 0,1 Prozent bei einem breiten ETF bis über 2 Prozent bei einem aktiven Fonds. Allein dieser Punkt kann die gesamte Rechnung umdrehen.

Deshalb steht hier keine Beispielrechnung. Sie wäre für dein Angebot falsch, und du könntest sie nicht überprüfen.

Was du stattdessen tun kannst

In jedem Angebot steht die Effektivkostenquote nach § 2 VVG-InfoV. Sie ist der Renditeabschlag pro Jahr und die einzige Zahl, die zwischen Angeboten vergleichbar ist. Zieh sie von der angenommenen Bruttorendite ab — nur die Rendite nach Kosten gehört verglichen. Das teurere Angebot kann dabei das bessere sein.

Zwei Dinge stehen dort nicht drin. Erstens die Kosten im Rentenbezug: Die Effektivkosten decken die Ansparphase ab. Was ab Rentenbeginn anfällt, steht tief im Bedingungswerk, und die Modelle unterscheiden sich erheblich — manche Anbieter rechnen auf das Guthaben, andere auf die Rente. Zweitens die Fondskosten: Die stecken sowohl in der Effektivkostenquote als auch in der ausgewiesenen Rendite und werden faktisch doppelt erfasst.

Was für die Police spricht

Und jetzt die Gegenseite. Drei Punkte, von denen zwei fast immer übersehen werden.

01 — Vorabpauschale

"Solange ich nicht verkaufe, zahle ich keine Steuer" stimmt nicht

Bei thesaurierenden ETFs im Depot besteuert der Fiskus jährlich einen fiktiven Mindestertrag, auch ohne jeden Verkauf. Das ist die Vorabpauschale nach § 18 InvStG. Im Versicherungsmantel fällt sie nicht an.

Wie stark das wiegt, hängt am Volumen. In den frühen Jahren wird sie meist vollständig vom Sparerpauschbetrag aufgezehrt — dann ist die Belastung faktisch null. Wer das Argument bei kleinen Depots führt, überzeichnet. Bei langen Laufzeiten und hohen Sparraten wird die kumulierte Belastung fünfstellig.

Das Bemerkenswerte daran: Es ist der einzige Vorteil der Police, der auch beim völlig passiven Anleger wirkt — also genau in dem Fall, in dem das Depot sonst gewinnt.

Wie viel das bei dir ausmacht, kannst du im Rechner auf der Startseite durchspielen.

02 — Umschichtung

Der Vorteil zählt nur, wenn tatsächlich umgeschichtet wird

Im Versicherungsmantel lösen Fondswechsel keine Steuer aus, im Depot realisiert jede Umschichtung Gewinne. Klingt nach einem starken Argument — ist es aber nur, wenn du auch umschichtest. Bei einem echten Buy-and-hold-Anleger ist der Vorteil nahe null.

Was dabei übersehen wird: Nicht jede Umschichtung ist freiwillig. Fondsschließungen und ETF-Verschmelzungen erzwingen Wechsel, und ein grenzüberschreitender Merge gilt steuerlich als fiktiver Verkauf.

Im Februar 2025 wurde ein großer MSCI-World-ETF mit einem Schwesterprodukt verschmolzen, verbunden mit einem Wechsel des Fondsstandorts von Luxemburg nach Irland. An Strategie und Kosten änderte sich für Anleger praktisch nichts — steuerlich galt der Vorgang trotzdem als Verkauf. Das war kein Nischenprodukt.

Wie wahrscheinlich das ist, gehört ehrlich eingeordnet: Über alle ETFs hinweg liegt die jährliche Schließungs- oder Fusionsrate bei 2 bis 4 Prozent, was über knapp 40 Jahre auf rund zwei Drittel Wahrscheinlichkeit hochgerechnet würde. Diese Zahl wäre unredlich, weil sie von kleinen Nischenfonds getrieben ist. Für große Core-ETFs liegen die Raten bei 0,5 bis 1 Prozent — daraus folgen über dieselbe Laufzeit rund 15 bis 35 Prozent. Das ist die ehrliche Zahl, und sie reicht: ein Ereignis, das du nicht kontrollierst, mit rund einem Drittel Wahrscheinlichkeit, gehört in eine 40-Jahres-Planung.

03 — Steuerrecht

Was heute gilt, gilt in 40 Jahren nicht zwingend

Ändert der Gesetzgeber die Besteuerung von Kapitalerträgen, wirkt das im Depot sofort auf den Bestand. Bei Rentenversicherungen greift dagegen das Prinzip des Vertrauensschutzes: Was bei Vertragsabschluss steuerlich galt, bleibt für den bestehenden Vertrag weitgehend erhalten. Beim Alterseinkünftegesetz 2005 war das so.

Ein Blick auf die Reformen der letzten zwanzig Jahre: 2009 fiel die Spekulationsfrist weg, 2009 kam die Abgeltungsteuer, 2018 die Investmentsteuerreform mit Teilfreistellung und Vorabpauschale, 2021 die Begrenzung der Verlustverrechnung bei Termingeschäften, 2023 die Anhebung des Sparerpauschbetrags. Die Mehrheit hat verschärft oder Komplexität geschaffen.

Das ist keine Prognose, und Reformvorschläge zur Abgeltungsteuer stehen regelmäßig in der politischen Debatte, ohne dass daraus etwas folgen muss. Aber es kehrt die Beweislast um: Wer 40 Jahre Depot plant, unterstellt ein stabiles Steuerregime. Dafür gibt es historisch wenig Anhalt.

Und die Einschränkung gehört dazu: Bestandsschutz ist ein Prinzip mit Grenzen, keine Garantie. Sauber formuliert heißt es "sehr weitgehend geschützt", nicht "unantastbar".

Warum die Auszahlungsform über die Hälfte entscheidet

Im Depot ist die Sache einfach: 26,375 Prozent Abgeltungsteuer, davon bleiben nach der Teilfreistellung von 30 Prozent effektiv rund 18,5 Prozent auf den Gewinn. Unabhängig davon, wann und wie du verkaufst.

Bei der Police hängt alles daran, wie das Geld herauskommt. Voraussetzung ist in allen Fällen die 12/62-Regel: mindestens zwölf Jahre Laufzeit und Auszahlung frühestens mit 62.

01 — Einmalauszahlung

Alles auf einmal — der schlechteste Weg

Nach 15 Prozent Teilfreistellung wird die Hälfte des Ertrags besteuert. Klingt gut, aber es fällt in einem einzigen Jahr an. Bei 400.000 € Gewinn sind das 170.000 €, die oben auf dein sonstiges Einkommen kommen — und ab 69.878 € greifen 42 Prozent. Die Progression frisst den Vorteil fast vollständig auf.

Einmalauszahlung

Was landet in einem Jahr im Steuerbescheid?

Gewinn
400.000 €
Teilfreistellung
15 %
davon steuerpflichtig
die Hälfte
Spitzensteuersatz ab
69.878 €

170.000 €

steuerpflichtig in einem Jahr

02 — Entnahmeplan

Entnahmeplan — der unterschätzte Weg

Dieselbe Systematik wie bei der Einmalauszahlung, aber verteilt: Steuerpflichtig ist nur der Gewinnanteil, der in jeder Teilentnahme steckt, nach 15 Prozent Teilfreistellung und Halbeinkünfteverfahren. Bei 20.000 € Entnahme im Jahr und zwei Dritteln Gewinnanteil sind das rund 5.700 €, die oben auf dein übriges Einkommen kommen. Hast du daneben kaum anderes Einkommen, bleibt das nach § 32a EStG unter dem Grundfreibetrag und damit steuerfrei; liegt anderes Einkommen darunter, greift die Progression — aber deutlich niedriger als bei der Einmalauszahlung. Die Ertragsanteilsbesteuerung gilt hier ausdrücklich nicht, die greift nur bei der lebenslangen Rente.

Entnahmeplan

Was ist bei 20.000 € Entnahme im Jahr steuerpflichtig?

Entnahme im Jahr
20.000 €
Gewinnanteil darin
zwei Drittel
Teilfreistellung
15 %
davon steuerpflichtig
die Hälfte

rund 5.700 €

steuerpflichtig pro Jahr

03 — Lebenslange Rente

Lebenslange Rente — steuerlich der stärkste Weg

Hier greift nicht das Halbeinkünfteverfahren, sondern die Ertragsanteilsbesteuerung nach § 22 EStG. Bei Rentenbeginn mit 67 sind 17 Prozent der Rente steuerpflichtig, lebenslang konstant. Bei 2.000 € Monatsrente sind das 340 € — versteuert mit deinem persönlichen Satz. Effektiv landest du bei rund 4,5 Prozent auf die gesamte Rente.

Lebenslange Rente

Was ist von 2.000 € Monatsrente steuerpflichtig?

Monatsrente
2.000 €
Rentenbeginn
67
Ertragsanteil
17 %

340 €

steuerpflichtig im Monat

rund 4,5 %

effektiv auf die Rente

Die lebenslange Rente ist steuerlich der beste Weg und rechnerisch trotzdem nicht automatisch der beste. Sie kauft Absicherung gegen Langlebigkeit, nicht Kapitalwachstum — wer möglichst viel Vermögen will, nimmt den Entnahmeplan. Erst das Ziel, dann der Weg.

Und der eigentliche Punkt: Du musst dich heute nicht festlegen. Die Auszahlungsform wählst du bei Rentenbeginn, mit Kenntnis deiner dann tatsächlichen Steuer-, Lebens- und Gesundheitssituation. Das ist der strukturelle Vorteil, den das Depot nicht hat — dort ist die Besteuerung durch das Gesetz festgelegt, nicht durch deine Entscheidung.

Rechne deinen Fall durch

Die Beispiele oben sind Musterwerte. Wie es bei dir ausgeht, hängt an Beitrag, Laufzeit, Rendite, Kosten und deinem Einkommen im Ruhestand. Alle diese Größen kannst du im vollständigen Rechner selbst setzen — mit Ansparphase, Entnahmephase, Vorabpauschale, Umschichtung und dem Punkt, an dem die Antwort kippt: Zum Rechner Fondspolice oder Depot.

Was in keiner Modellrechnung steht

Vier Dinge, die in den üblichen Vergleichen fehlen — und drei davon sprechen gegen die Police.

Die Kosten im Rentenbezug tauchen in den ausgewiesenen Effektivkosten nicht auf. Die decken die Ansparphase ab. Was ab Rentenbeginn anfällt, steht tief im Bedingungswerk, und die Spreizung zwischen den Modellen ist erheblich: Manche Anbieter rechnen auf das Guthaben, andere auf die Rente. Bei einem großen Verrentungskapital liegen zwischen beiden Modellen mehrere hundert Euro im Monat.

Effektivkosten und Bruttorendite überschneiden sich. Die Fondskosten stecken in beiden Größen und werden in der üblichen Darstellung faktisch doppelt erfasst. Sauber trennen lässt sich das kaum — wer die Zahlen verwendet, sollte den Vorbehalt selbst nennen.

Ein Rentenfaktor ohne das zugehörige Endkapital sagt nichts. Er ist ein Umrechnungskurs, kein Gütesiegel. Ein niedrigerer Faktor auf ein höheres Kapital schlägt einen höheren Faktor auf ein niedrigeres — die vollständige Rechnung braucht beide Zahlen.

Renditeunterschiede aus Backtests unterschiedlicher Fondszusammenstellungen sind keine Eigenschaft des Vehikels. Eine historische Mehrrendite über vierzig Jahre fortzuschreiben und daraus eine Euro-Differenz abzuleiten, ist statistisch nicht gedeckt. Wenn dir das jemand vorrechnet — auch ich — frag nach, woher die Rendite kommt.

Die Steuerbeispiele oben unterstellen ein eher niedriges übriges Einkommen im Ruhestand. Liegt deins höher, verschiebt sich alles nach oben — dann greift die Progression früher, und der Vorteil des Entnahmeplans gegenüber der Einmalauszahlung wird noch größer. Liegt es niedriger, sinkt die Belastung in allen Policenwegen.

Nächster Schritt

Schick mir deinen Fall

Es gibt keine Antwort, die für alle stimmt. Es gibt einen Punkt, an dem sie für dich kippt — und der hängt an deiner Laufzeit, deinem Volumen, deinem Umschichtungsverhalten und deinem Einkommen im Ruhestand. Nicht an meiner Meinung. Beschreib mir in drei Sätzen, welche Entscheidung bei dir ansteht. Ich rechne sie als Beispielszenario durch und schicke dir das Ergebnis als kurzes Video zurück.

Schick mir deinen Fall

Weitere Fragen, die ich durchgerechnet habe

Alle Zahlen auf dieser Seite sind Beispielszenarien mit offengelegten Annahmen. Sie sind keine individuelle Anlageberatung und keine Empfehlung für deine Situation. Steuerliche Regelungen können sich ändern; maßgeblich ist die jeweils geltende Rechtslage.